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Nachträgliche Querkraft- und Durchstanzverstärkung von Stahlbetonbauteilen

Hilti Ingenieurberatung
Lesedauer: < 15 Minuten
Fachartikel

Bestehende Stahlbetonbauwerke müssen häufig an höhere Lasten, Umnutzungen oder aktuelle Normen angepasst werden. Dieser Artikel erläutert die Tragmechanik, Bemessung und Ausführung nachträglicher Querkraft- und Durchstanzverstärkungen mit den Hilti Systemen HIT-Shear und HIT-Punching. Anhand der maßgebenden Versagensmechanismen werden Unterschiede in Tragverhalten und Nachweisführung aufgezeigt sowie die Vorteile einer abgestimmten Systemlösung für die Verstärkung im Bestand dargestellt.

Bauteilverstärkung
Befestigungs- und Verbindungstechnik
Ingenieurbau

Injektionsbasierte Verstärkungssysteme im Bestand

Tragmechanik, Bemessung und konstruktive Randbedingungen

Die Verstärkung bestehender Stahlbetontragwerke gehört heute zum Regelbestand ingenieurmäßiger Planung. Gründe dafür sind Nutzungsänderungen, höhere Verkehrslasten, Aufstockungen, geänderte normative Anforderungen oder außergewöhnliche Einwirkungen wie Brand und Erdbeben. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus im Bauwesen zunehmend vom Neubau hin zur Weiternutzung bestehender Tragwerke.

Damit rücken lokale Verstärkungsmaßnahmen an Bestandsbauteilen stärker in den Vordergrund – insbesondere an Decken, Unterzügen, Fundamenten und Stützenanschlüssen. Kritisch werden dabei häufig Querkraft- und Durchstanznachweise, da viele ältere Bauwerke ohne systematische Querkraft- oder Durchstanzbewehrung geplant wurden und die heutigen Anforderungen nach Eurocode 2 rechnerisch nicht mehr erfüllen.

Besonders betroffen sind Flachdecken im Hochbau sowie Brücken- und Ingenieurbauwerke mit begrenzten Reserven im Querkrafttragverhalten. In diesen Fällen gewinnen nachträgliche Verstärkungssysteme an Bedeutung, die ohne großflächige Eingriffe in die Tragstruktur umgesetzt werden können.

Drei Darstellungen zum Stahlbetonbau: Bewehrungsmatte in einer Bodenplatte, schematische Anordnungen zur Durchstanzbewehrung sowie eine Betonfuge mit nachträglich eingebauten Bewehrungsstäben zur Kraftübertragung.

Abbildung 1: Beispiel für nachträglich eingebaute Bewehrung in Aufbetonschichten (a), Betonummantelungen (b) und Erhöhung der Querkrafttragfähigkeit mit nachträglicher Verstärkung (c)

Nachträglich installierte Verstärkungssysteme

Für die nachträgliche Querkraft- und Durchstanzverstärkung kommen zunehmend injektionsbasierte Systeme mit eingemörtelten Gewindestangen zum Einsatz. Das konstruktive Grundprinzip besteht darin, vertikal eingebrachte Gewindestangen kraftschlüssig über einen Injektionsmörtel im Beton zu verankern. Die Verstärkungselemente übernehmen dabei die Funktion nachträglicher Bewehrung.

Für die Querkraftverstärkung wird das Hilti HIT-Shear System eingesetzt, für die Durchstanzverstärkung das Hilti HIT-Punching System. Beide Systeme basieren auf denselben Hauptkomponenten und verwenden den Injektionsmörtel Hilti HIT-RE 500 V4.

Technische Übersicht einer Lösung mit nachträglicher Bewehrung. Dargestellt sind Bewehrungsanordnungen, Installationswerkzeuge, Injektionsmörtel, Gewindestangen und die PROFIS Engineering Suite zur Bemessung.

Abbildung 2: Gemeinsame Hauptkomponenten des Hilti HIT-Shear und HIT-Punching Querkraft- und Durchstanzverstärkungssystems

Die Kraftübertragung erfolgt über Verbundmechanismen zwischen Gewindestange, Injektionsmörtel und Beton. Tragmechanisch basiert das System auf Formschluss, Mikroverzahnung, Reibung und Stoffschluss im Bohrloch. Dieser Mechanismus ist aus der Befestigungstechnik bekannt und durch umfangreiche Versuchsprogramme abgesichert.

Querschnitt eines Verbundankers in Beton mit vergrößerter Darstellung der Verbundzone. Hervorgehoben sind die Lastübertragungsmechanismen Verbund und Mikroverzahnung zwischen Mörtel und Beton.

Abbildung 3: Einleitung der Lasten in den Untergrund durch Stoffschluss

Die Systeme sind für Normalbeton der Festigkeitsklassen C20/25 bis C50/60 vorgesehen. Für beide Anwendungen liegen allgemeine Bauartgenehmigungen des Deutschen Instituts für Bautechnik vor. Die Bemessung erfolgt auf Grundlage von Eurocode 2 sowie den jeweiligen nationalen Anhängen und zulassungsspezifischen Ergänzungen.

Trotz identischer Komponenten unterscheiden sich Querkraft- und Durchstanzverstärkung grundlegend in Tragwirkung, Bemessungslogik und konstruktiver Einbindung. Diese Unterscheidung ist für Planung und Prüfung wesentlich.

Nachträgliche Querkraftverstärkung mit HIT-Shear

Tragwirkung im Querkraftbereich

Bei der nachträglichen Querkraftverstärkung greifen die eingemörtelten Gewindestangen direkt in den bestehenden Fachwerkmechanismus des Stahlbetonbauteils ein. Die Verstärkungselemente wirken analog zu konventioneller Bügelbewehrung und queren die maßgebenden Schubrisse.

Mit zunehmender Rissbildung nimmt der Betontraganteil ab, während der Beitrag der Querkraftbewehrung maßgebend wird. Die nachträglich installierten Elemente übernehmen dabei Zugkräfte entlang der geneigten Schubrisse und stabilisieren den bestehenden Lastabtrag.

Entscheidend ist die Verankerung über die wirksame Bauteilhöhe mit Einbindung in Zug- und Druckzone.

Darstellung eines Fachwerkmodells zur Schubbemessung im Stahlbeton. Gezeigt werden Druckstreben, Zuggurte, vertikale Zugstreben, Schubbewehrung sowie die zugehörigen inneren Kraft- und Spannungsverläufe.

Abbildung 4: Ein Stahlbetonbalken mit Querkraftbewehrung, dargestellt durch das Mörsch-Ritter-Fachwerk mit Druck- und Zuggurt, der geneigten Druckstrebe und der vertikalen Zugstrebe

Die Bemessung folgt dem bekannten Fachwerkmodell nach Eurocode 2. Der Querkraftnachweis wird über den kleineren Wert aus Druckstrebenwiderstand und Bewehrungswiderstand geführt:

Mathematische Gleichung zur Schubbemessung. Die einwirkende Querkraft muss kleiner oder gleich dem maßgebenden Schubwiderstand sein, der als Minimum zweier Widerstände bestimmt wird.

Variabler Druckstrebenwinkel als wesentlicher Bemessungsparameter

Ein wesentlicher Bestandteil der Bemessung ist die Methode der variablen Druckstrebenneigung. Der Druckstrebenwinkel θ kann innerhalb der normativ zulässigen Grenzen gewählt werden, sodass Druckstrebe und Querkraftbewehrung im Gleichgewicht wirken.

Zwei schematische Stahlbeton-Träger mit Druckstrebenmodell. Dargestellt sind Querkraftabtrag, Bügelbewehrung und unterschiedliche Lagen des maßgebenden Querkraftschnitts zwischen Auflager und Lastangriffspunkt.

Abbildung 5: Schematische Darstellung des Einflusses der Druckstrebenneigung auf den Widerstand der Druckstrebe und der Querkraftbewehrung: maximale (a) und minimale (b) zulässige Neigung

Mit kleiner werdendem Druckstrebenwinkel beziehungsweise größerem cot(θ) steigt der rechnerische Beitrag der Querkraftbewehrung. Gleichzeitig erhöhen sich jedoch die zusätzlichen Zugkräfte in der Längsbewehrung.

Die Bemessung der nachträglich installierten Querkraftbewehrung berücksichtigt dabei systemspezifische Parameter und unterscheidet sich bewusst von einer idealisierten Betrachtung konventioneller Bügelbewehrung. Der Widerstand ergibt sich zu:

Mathematische Gleichung zur Berechnung des Querkraftwiderstands der Schubbewehrung. Der Widerstand wird aus Bewehrungskennwerten, Hebelarm und dem Neigungswinkel der Druckstreben bestimmt.

Der Faktor kpi beschreibt die reduzierte Wirksamkeit nachträglich installierter Verstärkungselemente gegenüber einbetonierter Bügelbewehrung. Berücksichtigt werden unter anderem:

  • Langzeiteinflüsse auf den Verbund

  • Bohrlochabweichungen

  • Installationstoleranzen

  • Einbaurichtung

  • Überlagerung von Biege- und Schubrissen

Damit wird die reale Ausführungssituation im Bestand unmittelbar Bestandteil des Bemessungsmodells.

Nachträgliche Durchstanzverstärkung mit HIT-Punching

Durchstanzen folgt einem räumlichen Versagensmechanismus

Durchstanzen ist kein „Querkraftproblem im Kreis“, sondern ein räumlicher Versagensmechanismus im Bereich konzentrierter Lasteinleitungen mit geneigten Rissflächen und lokalem Bruchkörper. Maßgebend ist der kritische Rundschnitt um die Stütze.

Prüfkörper aus Stahlbeton nach einem Durchstanzversuch. Sichtbar sind ein ausgeprägter Durchstanzkegel, Rissbildungen sowie freigelegte Bewehrung im Bereich eines Stützenanschlusses.

Abbildung 6: Versuchskörper einer Flachdecke mit ausgeprägter Schubrissbildung und Ausbildung des Durchstanz-Bruchkörpers

Die nachträglich installierte Durchstanzbewehrung ersetzt den Betontragmechanismus nicht. Sie greift vielmehr in die Rissbildung ein und übernimmt Zugkräfte entlang der geneigten Rissflächen. Dadurch wird der kritische Rundschnitt nach außen verlagert.

Die Bemessung erfolgt spannungsbasiert über die Schubspannung am kritischen Umfang:

Mathematische Gleichung zur Berechnung der Durchstanzschubspannung. Die Spannung ergibt sich aus Querkraft, Lastfaktor, kritischem Kontrollumfang und wirksamer Bauteilhöhe.

Innerhalb der schubbewehrten Zone ergibt sich der Widerstand aus der Überlagerung eines reduzierten Betonanteils und des Stahlbeitrags der nachträglich installierten Verstärkungselemente.

Auch hier berücksichtigt der Faktor kpi die Besonderheiten nachträglich installierter Systeme gegenüber einbetonierter Durchstanzbewehrung.

Wenn beide Versagensarten (Druckstrebenversagen und kombinierter Widerstand) ausgeschlossen werden sollen, ist der maßgebende Widerstand der kleinere der beiden Widerstände:

Mathematische Ungleichung zum Durchstanznachweis. Die vorhandene Durchstanzschubspannung darf den maßgebenden Durchstanzwiderstand nicht überschreiten, der als Minimum zweier Widerstände bestimmt wird.

Der Widerstandsansatz berücksichtigt zwei potenzielle Versagensmechanismen:

  • Druckstrebenversagen des Betons, beschrieben durch den Betonwiderstand 𝜏Rd,c, begrenzt durch den normativen Faktor kmax sowie den systemspezifischen Reduktionsfaktor kd,

  • Versagen der nachträglich installierten Durchstanzbewehrung, erfasst über den kombinierten Widerstand 𝜏Rd,cs,pi, der den reduzierten Betonanteil und den Stahlbeitrag der eingemörtelten Bewehrungselemente überlagert.

Mit diesem Ansatz wird sichergestellt, dass sowohl ein Betonversagen infolge begrenzter Druckstrebenkapazität als auch ein Versagen der nachträglich installierten Bewehrung zuverlässig ausgeschlossen werden.

Planungssicherheit durch abgestimmte Systemlösung

Ein wesentlicher Vorteil der beschriebenen Systeme liegt nicht allein in der zusätzlichen Tragfähigkeit, sondern in der durchgängigen Systemlogik aus Bemessung, Zulassung, Ausführung und Nutzung.

Die Bemessung kann mit PROFIS Engineering geführt werden. Dadurch werden zulassungsrelevante Randbedingungen, Geometrien, Abstände, Einbausituationen und systemspezifische Faktoren unmittelbar in den Nachweis überführt. Für Fachplaner und Prüfingenieure entsteht damit ein nachvollziehbarer und prüffähiger Bemessungsweg.

Gerade im Bestand ist dies wesentlich, da sich viele Verstärkungslösungen rechnerisch darstellen lassen, unter den realen Randbedingungen jedoch nicht reproduzierbar ausführen lassen.

Inspektionsfreiheit als Vorteil in der Nutzungsphase

Für die Verstärkungselemente stehen sowohl galvanisch verzinkte Ausführungen als auch Elemente aus A4-Edelstahl zur Verfügung. Dadurch kann das Verstärkungssystem an die jeweilige Expositionsklasse, Nutzungsdauer und Dauerhaftigkeitsanforderung des Bestandsbauwerks angepasst werden.

Gerade bei Infrastruktur- und Bestandsbauwerken ist dies relevant, da bestimmte außenliegende Verstärkungssysteme zusätzliche Korrosionsschutzmaßnahmen, Beschichtungen oder wiederkehrende Inspektions- und Instandhaltungsmaßnahmen erforderlich machen können. Durch die Verwendung korrosionsbeständiger Verstärkungselemente aus A4-Edelstahl lassen sich solche zusätzlichen Schutz- und Überwachungskonzepte in vielen Anwendungen vermeiden.

Für Fachplaner bedeutet dies, dass Dauerhaftigkeit, Nutzungsphase und spätere Erhaltungsaufwände bereits bei der Wahl des Verstärkungssystems berücksichtigt werden können und nicht erst nachgelagert über zusätzliche Schutzmaßnahmen gelöst werden müssen.

Fazit

Nachträgliche Querkraft- und Durchstanzverstärkungen im Bestand funktionieren nur dann zuverlässig, wenn Tragmodell, Bemessung, Detaillierung und Ausführung als zusammenhängendes System betrachtet werden.

Die wesentliche Herausforderung liegt dabei nicht allein in der rechnerischen Tragfähigkeit, sondern in der sicheren Übertragung der Bemessungsannahmen in die reale Ausführungssituation des Bestands.

Die beschriebenen Hilti Systeme kombinieren:

  • normbasierte Bemessung nach Eurocode 2

  • versuchsbasierte Systemkalibrierung

  • definierte zulässige Installationstoleranzen

  • variable Bemessung über den Druckstrebenwinkel

  • digitale Bemessung mit PROFIS Engineering

  • reproduzierbare Ausführungstechnik

  • inspektionsfreie Nutzung im Betrieb

Gerade für Fachplaner und Prüfingenieure entsteht dadurch ein konsistenter Ansatz aus Tragmodell, Zulassung und Ausführung. Die Qualität der Verstärkungsmaßnahme misst sich damit nicht an der maximalen rechnerischen Ausnutzung, sondern an der Sicherheit, mit der die Lösung unter realen Randbedingungen geplant, ausgeführt und geprüft werden kann.

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